Ansprache des Bundesvorsitzenden Eisenbraun anlässlich des 75. Jahrestages der Deportation der Deutschen in der Sowjetunion

Дата публикации: 7 сентября 2016 в 13:51
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Fotos von Hans Kampen und Eugen Geptin

Verehrte Ehrengäste,
geschätzte Kolleginnen und Kollegen,
liebe Landsleute,
sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen des Bundesvorstandes der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland danke ich Ihnen, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind, gemeinsam der tragischen Ereignisse zu gedenken, deren Opfer meine Landsleute in der Sowjetunion wurden.
Sinnbild dieses Leidens ist der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der Sowjetunion „Über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Wolgarayons wohnen“ vom 28. August 1941. Die Wolgadeutschen – und in der Folge auch die anderen Deutschen des Landes – wurden darin ohne jeden Grund der Kollaboration mit Hitler-Deutschland bezichtigt.

Schließlich wurden alle Russlanddeutschen aus dem europäischen Teil der Sowjetunion hinter den Ural, nach Sibirien und Kasachstan deportiert, wo Zwangsarbeit und unmenschliche Lebensbedingungen auf sie warteten.

Der russlanddeutsche Historiker Dr. Viktor Krieger kommt – selbst bei einer vorsichtigen Schätzung – auf eine Gesamtzahl der russlanddeutschen Opfer des stalinistischen Terrors von 480.000 Personen. Eine ungeheuerliche Anzahl – zumal die Ethnie zu Beginn der 1950er Jahre lediglich 1,35 Millionen Menschen zählte.

Als Rechtsnachfolgerin der Sowjetunion steht die Russische Föderation nach unserer Ansicht in der Pflicht, die Folgen des Deportationserlasses faktisch und vollständig zu beseitigen. Die Rehabilitation unserer Volksgruppe, die ohne jede Schuld zum Opfer zweier Unrechtsregime wurden, ist längst überfällig!

Die tragischen Ereignisse haben sich in das Gedächtnis russlanddeutscher Familien eingebrannt. Kaum eine von ihnen wurde von den Repressionen und Massenmorden des Stalin-Regimes verschont.

Ansprache des Bundesvorsitzenden Eisenbraun anlässlich des 75. Jahrestages der Deportation der Deutschen in der SowjetunionDennoch – und das sage ich mit großem Bedauern! – ist die Geschichte der Deutschen aus Russland nach wie vor nicht Bestandteil des kollektiven Bewusstseins der Bundesrepublik Deutschland. Diese Geschichte scheint nicht zu existieren. Sie wird im Schulunterricht nicht behandelt, die Medien berichten darüber bestenfalls sporadisch und unausgewogen. Daher ist meine eindringliche Bitte, der Geschichte und dem Schicksal der Deutschen aus Russland mehr Aufmerksamkeit zu widmen – auch und gerade um ihre vorbildlichen Integrationsleistungen in angemessener Weise würdigen zu können.

Ich bin sehr besorgt wegen der negativen Pauschalisierung in den bundesdeutschen Medien in Bezug auf die Deutschen aus Russland. So wurden aus vereinzelten auffälligen Vorkommnissen wie im Fall „Lisa“ Vorwürfe gegen die Gesamtheit der Volksgruppe konstruiert. Oft wurde der Eindruck vermittelt, die Deutschen aus Russland würden sich von der Propagandamaschinerie Moskaus missbrauchen lassen. Ohne jede Verharmlosung betone ich erneut: Es handelte sich um nicht repräsentative Einzelfälle.

Kaum eine andere Volksgruppe in der Bundesrepublik ist immuner gegen jede Form von politischer Radikalisierung als die Deutschen aus Russland. Sie bzw. ihre Eltern und Großeltern haben hautnahe Erfahrungen mit totalitären Systemen gemacht und werden sich daher in ihrer großen Mehrheit niemals Populisten und politischen Provokateuren anschließen. Und wir sind uns doch sicher darin einig, dass die mehrheitlich konservativen Einstellungen der Russlanddeutschen nichts mit Radikalität zu tun haben.

Vielmehr zeichnen sich gerade meine Landsleute durch eine ausgesprochen große Loyalität der Bundesrepublik und ihrem demokratischen Wertesystem gegenüber aus. Sie haben sich in Jahrzehnten der Unfreiheit und Entrechtung nach Respekt und Gleichheit gesehnt. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat ihrer Vorfahren haben auch sie in Deutschland eine Heimat gefunden.
Nach meiner Auffassung ist für eine ausgeprägte Loyalität nicht das Vorhandensein von nur einer Staatsangehörigkeit entscheidend, sondern eine gefestigte Identität, Rechtstreue und ein gemeinsames Wertesystem.

Ansprache des Bundesvorsitzenden Eisenbraun anlässlich des 75. Jahrestages der Deportation der Deutschen in der SowjetunionUnser Verband wird sich weiterhin dafür einsetzen, dass unsere Landsleute in die Bundesrepublik Deutschland einreisen dürfen. Ich begrüße es ausdrücklich, dass die Bundesregierung ihrer historischen Verantwortung für die Deutschen aus Russland weiterhin gerecht wird und nach wie vor an der Anerkennung ihres kollektiven Kriegsfolgenschicksals festhält.

Aus Anlass des 75. Jahrestages der Deportation der Deutschen in der Sowjetunion hat die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland eine umfangreiche Gedenkschrift herausgegeben, die sich unter dem Titel „Entrechtet – Entwürdigt – Entwurzelt“ mit verschiedenen Aspekten der Verfolgung der Russlanddeutschen befasst.

Die Schauprozesse in der Sowjetunion Stalins der Jahre 1937 und 1938 gehören ebenso dazu wie die Deportationen, die mit dem Erlass vom 28. August 1941 ihren Höhepunkt erreichten, die Verbringung in die Zwangsarbeitslager der so genannten „Trudarmee“ oder die Rechtlosigkeit in den Sondersiedlungen, die erst Ende 1955 aufgelöst wurden.
Abschließend möchte ich Folgendes feststellen:

Die parteipolitische Landschaft hat sich in den letzten Jahren europaweit merklich verändert. Die bewaffneten Auseinandersetzungen, die andauernde Flüchtlingskrise und die drohende Altersarmut führen dazu, dass Menschen zunehmend verunsichert sind und nach schnellen Problemlösungen suchen. Dabei ist das kein rein deutsches Phänomen, wie ein Blick auf die Entwicklungen in den benachbarten Ländern zeigt.

Ansprache des Bundesvorsitzenden Eisenbraun anlässlich des 75. Jahrestages der Deportation der Deutschen in der SowjetunionVon den etablierten Parteien erwarte ich durchdachte und verständlich kommunizierte Problemlösungen. Das Vertrauen in den Staat, seine Organe und Behörden muss wieder hergestellt werden.

Meinen Landsleuten wünsche ich mehr Mündigkeit, Resistenz gegen Parolen und Manipulationsversuche und politischen Weitblick. Ich bitte auch darum, mehr Geduld für die Aufklärung von einzelnen Vorgängen aufzubringen, da vorschnelle Urteile und Handlungen nicht selten falsch sein können. Im Hinblick auf die anstehenden Wahlen rufe ich zu einer regen Wahlbeteiligung auf.
Ich bedanke mich herzlich bei allen Beteiligten für die Vorbereitung und Mitgestaltung von Gedenkveranstaltungen, die bundesweit stattgefunden haben.

Nun schließe ich gerne mit dem Motto der Landsmannschaft
„Zusammenhalten – Zukunft gestalten“

Waldemar Eisenbraun
Bundesvorsitzender
Ansprache des Bundesvorsitzenden Eisenbraun anlässlich des 75. Jahrestages der Deportation der Deutschen in der Sowjetunion

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