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Wenn die Bundeswehr Schulen besucht...

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Hauptmann Czarnitzki ist seit sieben Jahren Jugendoffizier.
Hauptmann Czarnitzki ist seit sieben Jahren Jugendoffizier.

Wenn die Bundeswehr Schulen besucht...

Offiziere der Bundeswehr werden eingeladen, in Schulen zu sprechen. Während das Bildungsministerium diese Initiative unterstützt, sind die Gewerkschaften nicht mit im Boot. Was genau wird den Schülern beigebracht? Ein genauerer Blick in ein Klassenzimmer.

In der Frage, ob die Bundeswehr im Ausland eingesetzt werden soll, herrscht Einigkeit im Raum. Hauptmann Jan Czarnitzki steht in blauer Uniform vor 20 Neunt- und Zehntklässlern an der Nelson-Mandela-Schule in Berlin-Wilmersdorf. Der Jugendoffizier ist für die siebte und achte Klasse zuständig. Auf dem Smartboard steht "Soll sich Deutschland militärisch engagieren?". Die Schülerinnen und Schüler bewegen sich je nach ihrer Position - pro, teilweise dafür oder dagegen - in verschiedene Teile des Raumes. Die meisten von ihnen neigen zu einer teilweisen Befürwortung, nur zwei Schüler sind entschieden dagegen: "Deutschland sollte keinen Krieg unterstützen", sagt einer. Nach einigem Nachdenken räumt er ein: "Aber wenn ein Land in Not ist, sollten wir helfen."

"Kann Gewalt Konflikte lösen?", fragt Czarnitzki, und die Schüler bewegen sich schnell im Raum. "Man sollte zuerst versuchen, Probleme ohne Gewalt zu lösen, aber manchmal gibt es keine andere Möglichkeit", schlägt ein Schüler vor. "Wenn man auf dem Schulhof gemobbt wird und man sagt einfach 'Hör auf', dann macht der andere einfach weiter", bemerkt ein anderer. Der Soldat weist auf die Komplexität von Konflikten hin: "Es gibt nie nur militärische Lösungen."

In der Bundeswehr gibt es 94 Jugendoffiziere, speziell ausgebildete Soldaten, die auf Anfrage Vorträge und Seminare zur Sicherheitspolitik halten. Czarnitzki hat dieses Amt seit sieben Jahren inne. Ihre Vorträge werden vor allem an Schulen gehalten, aber auch ein Gartenbauverein könne technisch eine Anfrage stellen, sagt er im Interview mit ntv.de. Im vergangenen Jahr waren er und seine Kollegen in Berlin rund 150 Mal im Einsatz. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums gab es im Jahr 2022 bundesweit rund 4.300 Vorträge, Tendenz steigend.

Das Bildungsministerium befürwortet diese Einsätze. Ministerin Bettina Stark-Watzinger forderte kürzlich die Schulen auf, ein "entspanntes Verhältnis" zur Bundeswehr aufzubauen und bezog dabei ausdrücklich auch Jugendoffiziere ein. "Ich halte es für wichtig, dass Jugendoffiziere in die Schulen kommen und vermitteln, was die Bundeswehr für unsere Sicherheit leistet", sagte sie den Funke-Zeitungen. Die geäußerten Vorbehalte könne sie "nicht nachvollziehen".

Die Lehrergewerkschaft VBE ist anderer Meinung: Es sei die Aufgabe von Pädagogen, nicht von Soldaten, Kinder über "aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen" aufzuklären. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert dagegen, den Einfluss der Bundeswehr in den Schulen zu reduzieren. "Die GEW verurteilt jegliche Versuche der Bundeswehr, in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen zu werben", heißt es auf ihrer Website. Schulen dürften nicht als Rekrutierungsorte für Berufssoldaten genutzt werden, argumentiert die GEW.

"Als Jugendoffiziere können und dürfen wir nicht werben. Das wäre eine Straftat und hätte rechtliche Konsequenzen", erklärt Hauptmann Czarnitzki. Statt zu rekrutieren, kommt die Bundeswehr ihrer Informationspflicht nach. Sie folgt dabei dem Beutelsbacher Konsens von 1958, der Grundsätze für die politische Bildungsarbeit festlegt. Darin heißt es, dass den Schülern keine Meinung aufgezwungen werden soll und dass Themen so diskutiert werden sollen, dass sich jeder Schüler einen eigenen Standpunkt bilden kann.

Bruno Osuch, ein Lehrer für Sozialkunde und Mathematik, lud den Jugendoffizier an die Nelson-Mandela-Schule ein. Einige seiner "pazifistischen" Kollegen hätten die Einladung nur widerwillig angenommen, gibt Osuch lachend zu. "Sie dachten, sie würden einer Gehirnwäsche unterzogen."

Das Thema der heutigen Doppelstunde: "Die Entwicklung der deutschen Sicherheitspolitik bis zur Jahrtausendwende." Das ist nur einer von vielen Vorträgen in der Auswahl der Jugendoffiziere; auch der Krieg in der Ukraine oder der Nahostkonflikt könnten Thema sein. Gelbe und blaue Aufkleber zieren physische Deutschland- und Europakarten, die an die Wand im Klassenzimmer gepinnt sind: "Stop Putin Stop War", "#Stand with Ukraine". Die Schüler antworten kollektiv mit "Guten Morgen", und der eine oder andere Junge grüßt grinsend.

Auf die einleitende Gruppendiskussion folgt ein historischer Überblick. Czarnitzki beginnt im Jahr 1955, als sich die junge Bundesrepublik Deutschland im Kalten Krieg zur Aufrüstung entschloss. "Verteidigung", betont Czarnitzki und verweist auf den entsprechenden Artikel im Grundgesetz. Die nächste Folie zeigt die in mehrere Staaten aufgelöste Sowjetunion. "Plötzlich hatten wir eine neue Welt und die Bedrohungslage war verschwunden."

Czarnitzki fragt nach den bekannten "kollektiven Sicherheitssystemen", in denen Deutschland Mitglied ist, wie die NATO, die UNO und die EU. Die Beteiligung an diesen Organisationen wird auf dem Smartboard durch die brennenden Türme des World Trade Centers dargestellt. Czarnitzki skizziert die Abfolge der Ereignisse, die durch den Terroranschlag ausgelöst wurden: NATO-Bündnis, Bundestagsbeschluss, deutsche Beteiligung am Krieg in Afghanistan.

Der Afghanistan-Einsatz habe zwar teilweise reibungslos funktioniert, sei aber letztlich in einer Katastrophe geendet, bemerkt der Hauptmann und verweist auf die Machtübernahme durch die Taliban im Jahr 2021 und den ungeordneten Abzug der internationalen Soldaten. Die Schüler hören aufmerksam zu, einige von ihnen schauen gelegentlich auf ihr Smartphone.

Czarnitzki war vor zehn Jahren als Soldat in Afghanistan und hat dort drei Monate lang Fluglotsen ausgebildet. Für den 39-Jährigen war dies die nervenaufreibendste und zugleich bemerkenswerteste Zeit seiner Bundeswehrzeit, die direkt nach dem Abitur begann. Auf den Wehrdienst folgte die Offiziersausbildung, 2017 wurde er schließlich Jugendoffizier, "weil ich sicherheitspolitische Inhalte verständlich vermitteln wollte", wie er im Interview sagt.

In der Vorlesung wird Geopolitik im Unterricht behandelt und die Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert, Erklärungen für die Entstehung globaler Konflikte zu liefern. Czarnitzki stellt den Stabile-Staaten-Index vor, ein Instrument, das die Stabilität der einzelnen Länder anhand zahlreicher Faktoren bewertet. Er zeigt auch auf, wo die Bundeswehr offizielle Hilfe geleistet hat: Coronavirus-Pandemie, Ahrtal-Hochwasser, Suche nach Vermissten. Die Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland scheint in den Jahrzehnten des Friedens in den Hintergrund getreten zu sein.

Der Hauptmann geht auf die Jahrhundertwende ein und spricht die Themen an, die seit Beginn des Ukraine-Krieges den öffentlichen Diskurs beherrschen. Eine Grafik zeigt, welches NATO-Mitglied das Zwei-Prozent-Ziel erfüllt und welches nicht. Visualisierungen stellen die kollektive Abrüstung der NATO-Staaten dar. Die Schülerinnen und Schüler erfahren, dass Deutschland und andere Verbündete ihre Truppenstärke innerhalb von 30 Jahren mehr als halbiert haben.

"Der Zustand der Bundeswehr ist mangelhaft"

Ein Mangel in allen Bereichen der Bundeswehr, erklärt Czarnitzki. Der 100-Milliarden-Euro-Sonderfonds helfe bei der schnellen Beschaffung von lebensnotwendiger Ausrüstung, die aber erst einmal generiert werden müsse. Er zitiert die Wehrbeauftragte der Bundesregierung Eva Högl, die 300 Milliarden Euro für angemessener hält. "Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen, da in vielen Bereichen die Mittel fehlen." Sein Standpunkt: "Die Bundeswehr ist unsere Versicherungspolice. Wenn es darauf ankommt, sollte sie auch irgendwie funktionieren." Ein Schüler fragt, ob dies andere Nationen provozieren könnte. "Die Weltlage ist bedrohlich. Wir können nicht einfach abwarten", meint der Soldat.

Zum Schluss erkundigt sich ein Schüler, welche Studiengänge es an der Fachhochschule der Bundeswehr gibt. Czarnitzki erwähnt, dass er diese Information nicht weitergeben kann und verweist an die Berufsberatung. Würde der Jugendoffizier empfehlen, sich bei der Bundeswehr zu bewerben? "Das würde ich mir zweimal überlegen. Da geht es im Ernstfall um Leben und Tod", antwortet der Offizier. Macht es ihm Spaß? "Wenn nicht, wäre ich nicht hier", sagt er.

Nach einer fast zweieinhalbstündigen Präsentation verabschiedet sich der Jugendoffizier von seinen Schülern, und Lehrer Osuch geht mit der Klasse ein Eis essen. Abschließend stellt er fest, dass die Befürchtungen der Lehrer unbegründet waren. "Es gab überhaupt keine Indoktrination, es war sehr objektiv." Er ist der Meinung, dass ein Lehrer nicht in der Lage gewesen wäre, dies auf diese Weise zu bewerkstelligen. "Es ist etwas ganz anderes, wenn es eine uniformierte Person gibt, die die Situation genau versteht."

Die fünfzehnjährige Laila erklärt, der Vortrag sei faszinierend gewesen, doch das Militär habe mit ihren Gedanken nichts zu tun. "Ich könnte nie eine Waffe tragen", sagt sie. Die neunzehnjährige Thalia, die ebenfalls fünfzehn Jahre alt ist, sagt, sie habe eine Fülle von neuem Wissen erworben. "Früher dachte ich, es gäbe nichts anderes zu tun als Krieg", fügt sie hinzu. Würde sie eines Tages zur Bundeswehr gehen? "Der Vortrag hat mich zum Nachdenken gebracht", antwortet sie.

Der Hauptmann erklärt:

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Quelle: www.ntv.de

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