Gefährten beschuldigen Senator Koschins Gefolge. Es geht um Finanzbetrug

Дата публикации: 29 августа 2019 в 22:04
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Gefährten beschuldigen Senator Koschins Gefolge. Es geht um Finanzbetrug фото 1

Foto: aus dem persönlichen Archiv von Artjom Orschewski

Im Gericht zitterten ihm die Hände so heftig, dass er den Stapel Blätter, von denen er die technischen Daten der von ihm geschaffenen Software abzulesen versuchte, kaum halten konnte. Das, was er sagte, hatte gar nichts mit dem verhandelten Sachverhalt zu tun; der französische Richter hätte seine russische Rede ohnehin nicht verstehen können, andere Beweismittel hatte die Verteidigung jedoch nicht vorzubringen.

Je mehr Jaroslaw Iwanzow begriff, dass der Beschluss, ihn aus Frankreich auszuweisen, gefasst werden wird, desto weniger hatte er Kontrolle über sich. Herr Tscherkasenko gab ihm klar zu verstehen, dass ihn in Russland das Gefängnis erwartet. Denn in Russland kann Herr Tscherkasenko fast alles: Hinter ihm steht der Senator, seines Zeichens enger Freund Wladimir Putins und langjähriger Leiter der Kontrolldirektion der Präsidialverwaltung, Wladimir Koschin.

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Andrej Tscherkasenko – Mitglied des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik Fotoquelle: http://svop.ru

Iwanzow hatte Andrej Tscherkasenko vor 4 Jahren kennengelernt. Das war jene schwierige Zeit, als nach dem Bankrott der „Mosoblbank‟ alle Vermögenswerte des Unternehmens von Iwanzow und seines Geschäftspartners Artjom Orschewski verloren waren.

„Zu diesem Zeitpunkt kam Andrej Tscherkasenko auf mich zu und bot mir seine Dienste als Investor für unser Unternehmen, das auf dem Devisenmarkt handelt, an‟, erzählt Artjom Orschewskij. Auch dieser erwartet einen Beschluss über seine Ausweisung. „Sicher, hätten wir gewusst, wer Tscherkasenko tatsächlich ist, so hätten wir es wohl vorgezogen, unser Unternehmen dichtzumachen, anstatt von ihm Geld anzunehmen. Denn anstelle von Investitionen bekamen wir das Angebot, an Finanzmachenschaften teilzunehmen, und als wir das ablehnten, kamen die Strafverfahren‟.

Iwanzow und Orschewskij haben im Verlauf einiger Jahre einen eigenen Forex-Broker aufgebaut, außerdem entwickelte ein Team aus Programmierern unter der Leitung von Iwanzow eine Software, die einiges an Wettbewerbsvorteilen beim Handel auf dem Devisenmarkt mit sich brachte.

Tscherkasenko trat als Großunternehmer und Eigentümer einer seriösen Privatgesellschaft aus der Atomindustrie auf. In den Zeitungen schrieb man, dass er Eigentümer des Unternehmens sei, welches in der Rechtsnachfolge der Hauptverwaltung für Beschaffung des Ministeriums für Atomenergie Russlands steht.

Den frei zugänglichen Eintragungsunterlagen nach zu urteilen, bestehen die hauptsächlichen Aktiva Tscherkasenkos aus einer breiten Palette aus juristischen Personen, die untereinander jeweils als Gesellschafter auftreten. Sie sind in der gemeinnützigen Vereinigung „Unternehmensgruppe Atompromresursy‟ zusammengefasst. Der Legende nach soll das das Erbe des Ministeriums für Atomenergie sein, aber die Firmen wurden vor 10-15 Jahren registriert. Als Geschäftsbereiche der OOO „Atompromresursy‟, die nach Pressemeldungen Rechtsnachfolgerin der genannten Hauptverwaltung für Beschaffung sein soll, werden der Großhandel mit Schrott, sonstiger Großhandel, Bank- und Kreditwesen, sonstige Finanzdienstleistungen, Finanzleasing und Marketing angegeben.

Nichtsdestoweniger war diese Firma dazu in der Lage, bei einer Ausschreibung zu Leistungen mit erhöhtem technologischen Schwierigkeitsgrad teilzunehmen – es ging um die Stilllegung des Graphituranreaktors EI-2 in den Jahren 2013-2015 sowie des zweiten Reaktorenwerks der OAO „Sibirskij chimitscheskij kombinat‟ – das „Sibirische Chemiekombinat‟ (CXK), das Teil des Brennstoffherstellers TVEL im Verbund von Rosatom ist.

Mehr noch, die OOO Atompromresursy hat diese Ausschreibung gewonnen.

Das könnte zu Verwunderung führen, aber an dieser Stelle muss angemerkt werden, dass Andrej Tscherkasenko in diesem Kombinat einige Jahre lang als stellvertretender Generaldirektor für Investitionen tätig war, das heißt, er steht in Beziehungen zur Unternehmensführung.

Trotzdem ist es kaum zu verstehen, wie eine Schrotthandels- und Finanzdienstleistungsfirma überhaupt dazu in der Lage sein sollte, ein Projekt für die Teilnahme an einer Ausschreibung in der Atomindustrie entwickeln zu können.

Doch das bei der Ausschreibung eingereichte Projekt war eins, das vom „Sibirischen Chemiekombinat‟ entwickelt worden war.

Diese Erkenntnis folgt daraus, dass das Kombinat gemeinsam mit einem weiteren Unternehmen Tscherkasenkos – der ZAO „APR-Engineering‟ (APR steht hier für „Atompromstroj‟) – einige Jahre vor der Ausschreibung beim Innovationswettbewerb auf der Messe „Atomeko-2008‟ ein gleichartiges Projekt unter dem Titel „Komplexer Ansatz bei der Durchführung einer radiologischen Dekontamination der technischen Ausstattung stillgelegter Graphituranreaktoren der CXK‟ vorstellte und damals sogar mit einer Auszeichnung dafür bedacht wurde.

Welche Rolle in beiden Fällen die Unternehmen Tscherkasenkos spielten, kann man nur erahnen, aber die Kombination aus Schrotthandel, Verwertung von Graphituranreaktoren und Finanzdienstleistungen war so einträglich und brachte Herrn Tscherkasenko einen solch blendenden Ruf als Geschäftsmann, dass er gemeinsam mit bekannten Milliardären in die Führungsriege des „Russischen Verbands der Industriellen und Unternehmer‟, eines Clubs russischer Oligarchen, einging. Ebenso ist er Mitglied in einer weiteren Lobbyorganisation – im Gemeinschaftlichen Rat für Außen- und Verteidigungspolitik. In dieser Organisation bekleidete er eine Zeitlang sogar die Funktion des geschäftsführenden Direktors.

Für jemanden, der eigentlich nichts weiter hat als eine Ansammlung von juristischen Personen, sollte derartiges eigentlich nicht möglich sein.

Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Tscherkasenko – einigen Angaben zufolge – Taufpate des Enkels von Wladimir Koschin ist, welcher unlängst, nach vielen Jahren seiner Tätigkeit als Finanzverwalter von Präsident Putin, aus den Händen des Moskauer Bürgermeisters ein Senatorenamt im Oberhaus des russischen Parlaments entgegennehmen durfte.

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Wladimir Koschin diskutiert im Kreml mit Sergei Ivanov über die militärisch-technische Zusammenarbeit Russlands mit dem Ausland.

Tscherkasenko und Koschin sind durch Beziehungen verbunden, die ihnen zu beiderseitigem Vorteil gereichen.

Einer Veröffentlichung der Zeitung The New Times zufolge, für die Papiere von mit Russland verbundenen Offshore-Firmen in Panama recherchiert wurden, ging eine Hochpreis-Immobilie in Petrowo-Dalneje unweit von Moskau ins Eigentum von Andrej Tscherkasenko über. Diese Immobilie gehörte bis dahin dem Föderalen Staatlichen Einheitsunternehmen „Heiltherapeutischer Komplex Rubljowo-Uspenskij‟, das zum russischen Präsidialamt gehört, dessen Leiter Wladimir Koschin ist.

Außerdem ist Tscherkasenko dem Sohn Wladimir Koschins, Igor, als geschäftlicher Betreuer beigeordnet.

Aus der Fülle an Materialien, die unsere Redaktion untersucht hat, kann man den Schluss ziehen, dass seine Dienste gefragt waren, wenn es um eine Bareinlösung und Legalisierung von Kapital ging.

Orschewskij berichtet, dass er nur nach und nach begriff, wozu die russischen Oligarchen (und die Familie der Koschins kann man wohl dazu zählen) plötzlich Bedarf an seinem und Iwanzows bescheidenem Unternehmen aus dem Bereich Devisenhandel hatten.

„Mich beunruhigte die Quelle des Geldes, das Tscherkasenko in Form von Investitionen in unser Unternehmen einbringen wollte‟, sagt Orschewskij. „Meinen Angaben zufolge – ich bekam solche Informationen aus unterrichteten Bankkreisen – waren das staatliche Gelder. Tscherkasenko erklärte allerdings, dass sie der Familie der Koschins gehören‟.

Andrej Tscherkasenko versuchte, Orschewskij zu beruhigen: Er versicherte ihm, dass – erstens – diese Gelder in keinerlei Beziehung zum russischen Staatshaushalt stünden und dass – zweitens – die Möglichkeit gegeben wäre, die Herkunft dieser Gelder zu verschleiern.

„Er beschrieb folgende Vorgehensweise: Die Gelder werden an eine Mittlerfirma überwiesen und gehen über Schweizer Banken, von wo aus ihre Herkunft nicht mehr nachvollzogen werden kann, und danach gelangen sie an die ursprüngliche Firma zurück, nun schon als Investitionsrückzahlungen‟, sagt Artjom Orschewskij.

Tscherkasenko erzählte Orschewskij, dass er bereits Gelder der Koschins von Konten auf Zypern zurückgeholt hätte, die unter internationale Sanktionen gefallen waren. Dabei kamen verschiedene Schemen der Bareinlösung zur Anwendung, einschließlich von Geschäften aus dem Bereich Diamanthandel.

„In diesem Augenblick begriff ich, dass man aus unserem Unternehmen eine Geldwäscherei machen möchte‟, sagt Orschewskij und meint damit den Mechanismus der Legalisierung und Bareinlösung von Geldern. Dafür eignet sich der Börsenhandel einfach ideal.

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Orschewskij lebt derzeit in Verona. Eine wunderbare Stadt, die Heimat von Romeo und Julia. Von hier aus kann man die Alpen sehen. Doch in die Berge oder überhaupt aus der Stadt heraus fahren kann Artjom nicht, da er sich ausschließlich unter der Auflage, seinen Aufenthaltsort nicht zu verlassen, hier befinden darf.

Er führt einen Rechtsstreit mit der russischen Generalstaatsanwaltschaft. Bisher erfolgreich. Erst konnte Artjom eine Haftentlassung erwirken. Er verbrachte über einen Monat im Gefängnis, nachdem er auf Antrag von Interpol verhaftet worden war. Dann lehnten die italienischen Behörden eine von russischer Seite geforderte Auslieferung Orschewskijs nach Russland ab, bis die näheren Umstände der Sache geklärt waren. Anwälte kümmern sich um Artjoms Angelegenheiten, er selbst hat Originaldokumente, Screenshots, Audiomitschnitte gesammelt, die den Auftragscharakter des in Russland gegen ihn eingeleiteten Strafverfahrens belegen.

Dagegen ist die Lage bei Jaroslaw Iwanzow wesentlich schlimmer. Ein französisches Gericht hat unlängst beschlossen, ihn des Landes zu verweisen und auszuliefern.

„Jaroslaw ist ein besonderer Mensch, man kann sagen, er ist nicht von dieser Welt‟, sagt Orschewskij über seinen Freund. „Er ist ein genialer Programmierer und großer Träumer, wie der Held aus John Lennons Lied ‚Imagine‘. Dabei ist Jaroslaw überhaupt nicht fit für das alltägliche Leben. Tscherkasenko weiß das nur zu gut und hat seine Angriffe ganz sicher deshalb auf diese Schwachstelle abgezielt‟.

Iwanzow lebte im französischen Cannes und schenkte den gegen ihn vorgebrachten Beschuldigungen keinerlei Aufmerksamkeit – er war vollkommen in seine Projekte vertieft. Die Verhaftung durch die französischen Behörden führte bei ihm zu einer Panikattacke. Bald darauf bekam das Hotel, in dem seine Frau verblieben war, Anrufe von angeblichen russischen Journalisten. Sie behaupteten, Iwanzow sei ein Terrorist, ein international gesuchter Verbrecher, und verlangten nach allen über ihn vorhandenen Informationen. Das Management des Hotels gab dem Druck nicht nach, allerdings hinterließ diese Geschichte an den Verwandten Jaroslaws deutliche Spuren. Wie sich dann herausstellte, war die Verteidigung in keiner Weise auf die Gerichtsverhandlung vorbereitet. Nicht einmal die offizielle Version Orschewskijs, die dieser unter Beiziehung aller in seiner Verfügung befindlicher Materialien vorbereitet hatte, wurde vorgebracht.

„Ich kann belegen, dass die Anschuldigungen gegen uns haltlos sind, konnte Beweise dafür anführen, dass das in Russland gegen uns eröffnete Strafverfahren auf gefälschten Dokumenten und den falschen Zeugenaussagen Tscherkasenkos beruht. Ich führte Tatsachen an, dass meine Rechte verletzt wurden, und zwar das Recht auf Verteidigung‟, berichtet Orschewskij. „Meinem Anwalt wurde ja weder Zugang zu den Ermittlungsakten, noch zur Gerichtsverhandlung gewährt, die über meine Inhaftierung Beschluss fassen sollte. An seiner Stelle saß dort ein vorgeschobener „staatlicher Verteidiger‟. Alles das ist von meinen offiziellen Repräsentanten dokumentiert worden‟.

Der bei dieser Gerichtsverhandlung vorsitzende Richter war der russischen Bürgerrechtlern wohlbekannte Alexej Kaweschnikow. Sein Name steht im russischen „Blackbook‟ – einer Liste von Vertretern des Staats, die

„persönlich für aus politischen Beweggründen heraus geübte Gesetzlosigkeit‟ verantwortlich sind. Genau dieser Kaweschnikow war es, der den Beschluss über die Inhaftierung von Ildar Dadin fasste, dessen Gefängnishaft später als Unrecht anerkannt worden ist. Kaweschnikow verurteilte auch den politischen Aktivisten Iwan Nepomnjaschich im sogenannten „Bolotnaja-Prozess‟ für dessen Beteiligung an der Demonstration der Opposition am 6. Mai 2012, die – von Polizeikräften gewalttätig aufgelöst – am Vortag einer weiteren Amtseinführung von Präsident W.W. Putin auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau stattfand.

„Ich habe russische Journalisten und Bürgerrechtler darum gebeten, einen Abriss über Menschenrechtsverletzungen im russischen Strafvollzug zusammenzustellen‟, fährt Orschewskij mit seinem Bericht fort und ergänzt: „Die europäischen staatlichen Stellen sollten genauestens darüber im Bilde sein, dass – wenn sie Menschen in russische Gefängnisse oder in die dortige Untersuchungshaft überantworten – sie diese der Folter und Verletzung ihrer Menschenwürde preisgeben. Der russische Föderale Dienst für den Strafvollzug bricht nicht bloß systematisch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, sondern gebraucht auch Gewalt, die bis hin zu irreversiblen Schäden für die Gesundheit und sogar zum Tod führt, als Mittel für die Aufrechterhaltung der Ordnung, auch als Quelle für Korruption – nämlich für die Erpressung größerer Summen von den Gefangenen, und – das ist das Wichtigste – für die Gewinnung von Schuldbekenntnissen von den Beschuldigten‟.

„Wir kennen Richter Alexej Kaweschnikow sehr gut und beobachten genauestens die Prozesse, denen er als Richter vorsteht. Wir sind der Meinung, dass Richter Kaweschnikow seinen Ruf durch offensichtlich politisch motivierte und notorisch unrechtmäßige richterliche Entscheidungen befleckt hat‟, bestätigt Olga Romanowa, Bürgerrechtlerin und Gründerin von „Rus Sidjaschaja“ – „Russland hinter Gittern“, einer Organisation, die sich der Hilfe für russische Häftlinge verschrieben hat, und die Russland aufgrund einer akuten Bedrohung ihrer Sicherheit verlassen musste. Sie verfasste ein Begleitschreiben, das Orschewskij seiner analytischen Notiz über die Willkür in den russischen Gefängnissen beilegte.

Sowohl Dadin als auch Nepomnjaschich wurden in Haft gefoltert und drangsaliert. Dadin wurde als Gewissensgefangener anerkannt, und Nepomnjaschich hat sofort nach seiner Freilassung Russland verlassen. Beide haben ausführlich über das im russischen Strafvollzug herrschende System der Gewalt an den Häftlingen berichtet.

Was hier bezeugt wird, sind keine Einzelfälle. Das russische Rechtssystem verbirgt geflissentlich die Tatsachen einer systematischen Drangsalierung von Häftlingen, aber im Jahr 2018 endlich drang der Ruf der Unglückseligen bis in den öffentlichen Raum vor. Die Videoaufnahmen von der Folter in den Strafkolonien in Jaroslawl tauchten zuerst im Internet auf, später auch in der Presse. Daraufhin kam es zum Aufstand in der Strafkolonie in Omsk, und neue Fakten über die Grausamkeiten der Gefängniswärter traten zutage.

Die Bürgerrechtler bemühen sich darum, jeden Fall von Misshandlung, jeden Fall von sexuellem Missbrauch und Mord, der von den Strafverfolgern in den Gefängnissen und Untersuchungshaftanstalten verübt wird, festzuhalten. Aber es sind so viele Fälle, dass man nicht von Ausnahmen, sondern von der Fortführung der Traditionen der GULAGs sprechen sollte.

„Natürlich befreit die Erkenntnis über totale Menschenrechtsverletzungen in Russland seine Bürger nicht von der Verantwortung für die eigenen Rechtsbrüche, aber das ist doch ein bedeutender Grund für europäische Staaten, zumindest jedem Auslieferungsantrag mit besonderer Verantwortung zu begegnen‟, meint Artjom Orschewskij.

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Es könnte sich um eine typische feindliche Übernahme handeln, handelte es sich bei den Aktiva der Firma ArdeKKa Finance Inc. um greifbare materielle Güter und nicht um geistiges Eigentum, bei dem es nicht ausreicht, es zu besitzen – man muss es auch richtig gebrauchen können. Der Wert der ArdeKKa bestand in der Fähigkeit ihrer Gesellschafter Orschewskij und Iwanzow, am Devisenmarkt zu operieren. Außerdem gehörte ihnen noch die Software, die von einem Team von Programmierern unter der Leitung von Iwanzow entwickelt worden war. Tscherkasenko hatte sie schon im Einsatz testen können und war damit sehr zufrieden.

Doch in diesem Fall ist nicht so sehr das Unternehmen von Bedeutung als vielmehr die Kontrolle über die intellektuelle Komponente, welche ihr Geschäft aufrecht erhält. Dies war wohl der wirkliche geschäftliche Wert des Unternehmens.

Tscherkasenko hat ein Studium an der Militärhochschule des Ministeriums für Verteidigung der UdSSR in der Fachrichtung „Spezielle Propaganda‟ (psychologische Operationen unter Gefechtsbedingungen) abgeschlossen. Bei der jetzigen Gemengelage hatte er die volle Kontrolle. Die jungen Kerle befanden sich in einer hoffnungslosen Lage, als man ihnen Geld anbot. Als er ihnen mitteilte, dass er aufgrund von höherer Gewalt nicht seine eigenen Mittel einbringen konnte, aber stattdessen mit soliden Investoren aufwarten kann, hatten die Jungs keine andere Wahl, als sich mit seinen neuen Bedingungen einverstanden zu erklären. Zumal er den Namen Koschin nannte, obwohl gar nicht klar war, ob dieser Name den jungen Männern, die auf ihr Projekt konzentriert waren, überhaupt etwas sagte. Besonders Iwanzow, der das Unternehmertum eher als schöpferische Arbeit begriff und sich nicht für Geschichten über die Macht von Putins Freunden interessierte.

Iwanzow und Orschewskij waren nervös, machten Tscherkasenko Vorwürfe, weil aufgrund des Ausbleibens der Finanzierung ihr Projekt auf der Stelle trat, die Zeit verrann, und sie anstelle eines Aufstiegs in den Gewinnbereich jahrelang mit dem Umschreibung von Businessplänen beschäftigt waren.

Die 2 Millionen US-Dollar, die als Investitionen eingebracht wurden, beruhigten sie. Als Gegenleistung wurde ein Viertel der Firma ArdeKKa ins Eigentum von Igor Koschin, des Sohns von Wladimir Koschin, überschrieben.

Doch der Sinn bestand gar nicht darin, dass die Jungs Zugang zu Geldmitteln bekamen, sondern darin, dass sie die Arbeitsbedingungen akzeptierten. Doch Orschewskij erklärte unverhohlen, dass er sich nicht an der Aneignung von staatlichen Geldern zu beteiligen gedenkt, wandte sich sogar an Fachleute, welche die Offshore-Firma Porreta Ventures Limited einer eingehenden Prüfung unterzogen – bei ihr lagen die Finanzen der Familie der Koschins. Und mithilfe der World-Check-Datenbank fand er dort genau die erwähnten staatlichen Gelder.

Tscherkasenko teilte seinen Geschäftspartnern mit, dass sich die Investoren Sorgen um das Schicksal ihres Geldes machen, und aus diesem Grunde sei es notwendig, diese auf das Bankkonto einer Firma zu transferieren, die ihm, Tscherkasenko, gehört. Um sie zu überzeugen, musste er einen Vertrag über den Transfer der Geldmittel unterzeichnen, worin auch seine persönliche Verantwortung dafür festgehalten wurde.

Alles lief gut, bis Orschewskij und Iwanzow es ablehnten, einen Eigentumsanteil an der von ihnen entwickelte Software an Tscherkasenko zu übergeben.

Tscherkasenko teilte Orschewskij mit, sollte dieser nicht in diesen Deal einschlagen, er große Unannehmlichkeiten bekommen werde.

Orschewskij befand sich zu diesem Zeitpunkt in Frankreich und reagierte auf diese Warnung nicht wie angedacht. Daraufhin drohte Tscherkasenko, dass gegen Orschewskij und Iwanzow ein Strafverfahren wegen Betrugs und Aneignung von Investitionsgeldern eingeleitet werden wird. Selbstverständlich verfügten die Jungs über die Dokumente, aus denen hervorging, dass diese Geldmittel sich bei Tscherkasenko befanden, doch das Wichtigste, was Orschewskij mitgeteilt wurde, war die Nachricht, dass ihre Sache sich unter der Kontrolle von Wladimir Koschin befindet.

Doch leider hielten sich sowohl Orschewskij als auch Iwanzow außerhalb von Russland auf. Irgendwie mussten sie zurückgeholt werden. Mit der Einleitung eines Strafverfahrens und dessen Übergabe an Interpol traten indes keine Probleme auf.

Und schon kamen die guten Nachrichten – ein französisches Gericht beschloss die Auslieferung Iwanzows. Mit Orschewskij war es schon schwieriger, aber das ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit.

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Orschewskij konnte sich lange Zeit nicht dazu entschließen, es publik zu machen, welcher Art Betätigung Tscherkasenko tatsächlich nachgeht. Er hatte ja Originaldokumente, auch den Schriftwechsel mit Tscherkasenko und Audiomitschnitte seiner Unterredungen mit ihm auf den Händen. Schließlich noch sein eigenes Zeugnis.

Doch es blieb keine Wahl – als einzige Möglichkeit der Verteidigung blieb die Offenlegung, der Versuch, die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihr Kräftemessen mit den mächtigen Gegnern zu lenken.

Er versiegelte die von ihm zusammengestellte „Akte Koschin und Tscherkasenko‟ und sandte sie an die Redaktion.

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Die Redaktion kontaktierte die Vertreter von Wladimir Koschin und Andrej Tscherkasenko, und ebenso Igor Koschin.

Die Partei Wladimir Koschin reagierte nicht auf Anfragen.

Die Vertreter von Andrej Tscherkasenko teilten mit, dass sie – solange das Ermittlungsverfahren läuft – keinerlei damit im Zusammenhang stehende Sachverhalte kommentieren könnten. Ihrer Aussage nach ist er allerdings nicht der Eigentümer des Grundstücks in Petrowo-Dalneje, er sei kein Mitarbeiter des GRU und auch nicht bekannt mit Wladimir Koschin.

Igor Koschin bezeichnete Andrej Tscherkasenko als seinen Freund, als zutiefst redlichen Menschen, dem sogar der Kaiser von Japan, der Fürst von Marokko und der russische Präsident Wladimir Putin die Hand geben.

Autor: Denis Lupekin

Übersetzung von folgendem Artikel: https://aussiedlerbote.de/2018/12/okrugenie-senatora-kogina-obwinyaut-v-finansovuch-machinaziyach/

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